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Natur- und Kulturpfade zu Entdeckungen mit dem Fahrrad 6.06.2017
Kultur, BA-Thema, Aktuelles
Neun Frauen und drei Männer aus Bamberg begaben sich am vergangenen Sonntag auf eine inspirierende Fahrrad-Exkursion in den südlichen Landkreis, bei der GAL-Stadtrat Andreas Reuß verschiedene Zusammenhänge erläuterte, die bisher noch kaum bekannt waren.

Reuß wollte beispielhaft zeigen, wie ein Programm für Rad- oder Wanderexkursionen aussehen könnte, als Alternative zu demjenigen, das üblicherweise vom Tourismus-Verband angeboten wird. Es sollte mehr um inhaltliche Zusammenhänge gehen, wie sie aus der fränkischen Kulturlandschaft erschließbar sind. Hinweise auf Natur- und Umweltschutz sollten ebenso zu Wort kommen wie kritische Gedanken zur Kultur- und Denkmalpflege.

Treffpunkt der Gruppe war das Bootshaus im Bamberger Hain. Von dort ging es los in Richtung Pettstadt. Am südlichen Ausgang aus dem Bruderwald befand sich laut Reuß eine kleine archäologische Sensation, nämlich eine „Freilandstation“ der Altsteinzeit, die dann durchgehend bis ins Mittelalter besiedelt war. Heute sieht man hier nur noch einen Acker.

Danach betrachtete die Gruppe erst aus der Ferne, dann aus der Nähe die Kirchenfassade von Pettstadt, die 1754 nach Plänen von Johann Jakob Michael Küchel errichtet worden war. Sein Wohnhaus befand sich in der Langen Straße und ist auch noch erhalten geblieben, sogar im Erdgeschoß. Viele Ladengeschäfte dort hätten das Erdgeschoß nicht mehr denkmalgerecht umgebaut, so der Vortragende. Bei Pettstadt wurde in der Regnitz der berühmte „Pettstadter Becher“ gefunden, der sich jetzt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg befindet. Er stammt aus dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts n. Chr. und wurde wohl im irisch-englischen Raum hergestellt und mit einem reizvollen Muster im dortigen Stil verziert.

Im weiteren Verlauf der geführten Tour fuhr die Gruppe durch den angenehm kühlen Wald des Mainbergs, wo allerdings der Autolärm der nahen B 505 etwas störte. Hier begann, so Reuß, die alte Hochstraße „Siebenhügelweg“, der – immer oben auf den Bergkuppen entlang – bis ins Unterfränkische reichte. Auf einem der Hügel befindet sich die romanische Kirche von Großbirkach mit wertvollen Kunstwerken. Bei Schlüsselfeld kreuzt er den Kunigundenweg zwischen Bamberg und Aub. Diese „Straßen“ wurden von Siedlern seit frühmittelalterlicher Zeit begangen und mit Fuhrwerken befahren. Außerdem verwendete man Esel als Tragetiere, weshalb die Bezeichnung „Eselsweg“ hier heute noch öfter auftaucht.

Ab Röbersdorf sah man schon die gotische Kirche von Schlüsselau idyllisch in den Wiesen liegen, die Belaubung verdeckte angenehm die neueren Gebäude. Diese Art der Annäherung betonte Reuß besonders; denn sie sollte mit einfließen in die Betrachtung und Beurteilung des Hauptziels, eines Tafelgemäldes im Inneren der Kirche. Es handelt sich um die Darstellung der Hl. Sippe, also der Verwandtschaft von Jesus, aus der Zeit nach 1500, von einem Nürnberger Maler unter dem Einfluss von Albrecht Dürer.

Anhand dieses Gemäldes seien interessante Aspekte der Interpretationsgeschichte von Kunst abzulesen, so Andreas Reuß. Früher habe man nämlich nur versucht, den philosophischen oder theologischen Hinteergrund aus einem Kunstwerk herauszulesen, wie etwa ein Schlüsselauer Pfarrer 1815 aus dem Hochaltar-Gemälde. Dann kam die Betonung einzelner Künstlerpersönlichkeiten, denen man große Monographien widmete. Dürer rangierte in diesem Zusammenhang unter den „25 Sternstunden der Kunst“ der Menschheit. Nach der Jahrtausendwende rückte die vergleichende Forschung in den Vordergrund, die sich mehr mit der Entstehungsgeschichte der Werke beschäftigte. Hierzu entstand 2007 die herausragende Arbeit von Robert Suckale „Die Erneuerung der Malkunst vor Dürer“, worin er die Verwurzelung des Nürnberger Meisters mit seiner Umgebung herausstellte. Die Arbeit beruhte auf einem an der Universität Bamberg angesiedelten Forschungsprojekt. Suckale berücksichtigte nicht das Gemälde von Schlüsselau, wohl aber einen Flügelaltar aus der Pfarrkirche der Stadt Schlüsselfeld – ebenfalls vom Geschlecht der Schlüsselberger gegründet –, das sich jetzt im Mainfränkischen Museum in Würzburg befindet. Einen nächsten Schritt in der Forschungsgeschichte markierte die Ausstellung „Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 2012, in deren Rahmen spätgotische Gemälde geröntgt, digital dokumentiert und naturwissenschaftlich genauestens analysiert wurden.

Reuß wollte diesen Deutungen und Forschungen die Betrachtung an die Seite stellen, wie man ein Kunstwerk empfindet, wenn man sich – wie früher – zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad annähert. Es mache nämlich einen gewaltigen Unterschied, behauptete Reuß, wenn man etwa die spätgotische Kunst aus Franken in den großen Museen der Welt, zum Beispiel in Washington (siehe Kilian in der National Gallery) – oder in Schlüsselau besichtige, nachdem man per Fahrrad hergekommen sei. Diesem Eindruck konnten alle Teilnehmer beipflichten. Unter anderem in der Kleidermode und in der Gestik der dargestellten Figuren sei womöglich lokales Brauchtum und Gebaren der Landbevölkerung ablesbar.

Ein besonderes Erlebnis gönnte der Gruppe schließlich der von Reuß benachrichtigte örtliche Pfarrer, der einen Flügelaltar aufschloss und so Einblick in die sonst nicht sichtbaren Tafelgemälde eröffnete. Die eine oder andere Tafel deutete womöglich eine alte Stadtansicht von Bamberg an.

Die Vorträge und Fragen aus dem Publikum wurden von einem Toningenieur aufgezeichnet. Sie sollen eingearbeitet werden in das Projekt „Hörpfade“, ein Projekt des Volkshochschulverbands e.V., in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk und der Stiftung Zuhören (www.klingende-landkarte.de).

Am Ende warfen alle einen Blick auf das noch nachvollziehbare Ensemble von Schlüsselau mit Kirche, Pfarrgebäude, Schulhaus, Forstdienststelle, Sägewerk, Brunnen und historischer Gastwirtschaft. In Letzterer kehrte man ein, um sich für die Rückfahrt zu stärken.

 

Text und Fotos: Andreas Reuß




 


Die Kirche in Schlüsselau

GAL-Radtour-Gruppe vor der Gaststätte Bittel (A.Reuß in der Mitte mit Sonnenbrille)

Schlüsselau

Alte Gewölbe im ehemaligen Klosterhof

Der Pfarrer erklärt den Flügelaltar und die Kirche.

Bild aus dem Flügelaltar mit Ansicht von Bamberg

Bild aus dem Flügelaltar zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Kilian, Tilman-Riemenschneider-Werkstatt-Arbeit, spätgotisch, National Gallery, Washington

Gemälde


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