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Ist Bamberg mutig genug für den nächsten Schritt? 1.12.2017
Verkehr, Aktuelles, BA-Thema
Ein Blick in andere europäische Städte zeigt, wie der Radverkehr der Zukunft in Bamberg aussehen könnte.

Die GAL hat sich nicht zufällig den Grünen Saal der Harmonie für den Bildervortrag „Radfahren in Europa – Was kann Bamberg lernen?“ ausgesucht. Ganz nah am Spiegelsaal, wo sonst die Stadträt*innen über Bambergs Zukunft beraten und entscheiden. Denn immerhin wurde schon 2005 jede fünfte Fahrt mit dem Rad zurückgelegt, Tendenz steigend. Deshalb lohnt ein Blick in die europäische Nachbarschaft, um sich von dort inspirieren zu lassen.

Die Zuschauer*innen lernen an diesem Novemberabend verschiedene Verkehrskonzepte kennen, die jedes Radfahrerherz höher schlagen lassen. „In Kopenhagen fahren alle Rad: zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, zu jedem Zweck!“ so Gerd Rudel. Beeindruckend sei das besonders im Winter, wo Geh- und Radwege zuerst von Schnee geräumt werden und erst dann die Straßen für den motorisierten Verkehr. Das regt auch in der etwas ungemütlichen Jahreszeit die Bürger*innen dazu an, Fahrrad zu fahren oder zu Fuß durch die Stadt zu gehen. Zudem sind in Kopenhagen die Radwege meistens so breit, dass schnellere Radfahrende die gemütlichen Sonntagsfahrer*innen problemlos überholen können und sich dazu nicht in den Kfz-Verkehr einordnen müssen. Solche breiten Radwege vermisst man in Bamberg.

Co-Referent Peter Gack stellt klar, dass die guten Radbedingungen nicht über Nacht vom Himmel gefallen sind. „Die gut ausgebaute Radinfrastruktur liegt vor allem daran, dass ein Wille vorhanden war und ist, den Radverkehr zu fördern.“ Der Druck kam damals, in den 1970ern und 1980ern, auch von den Kopenhagener Bürger*innen. Früher war das Stadtbild stark vom Autoverkehr geprägt. Wer mutig ist und Radwege ausbauen will, muss dies in einer Stadt eben zu Lasten des Autoverkehrs tun. Da kann dann auch eine vierspurige Fahrbahn auf zwei Spuren reduziert werden, um Rad- und Gehwege zu verbreiten oder neu einzurichten.

Das Prinzip wird ebenso in Haarlem deutlich. Dort funktionierte man Autoparkplätze in Radabstellplätze um, wie GAL-Vorstandsmitglied Christian Hader auf einem Foto erläutert. Immerhin passen mehrere Fahrräder auf den gleichen Platz wie ein Auto. Beim Ausbau von Radwegen spielt die physische Abtrennung (z.B. durch Poller) zum motorisierten Verkehr eine wichtige Rolle für die gefühlte Sicherheit von Radfahrer*innen. Eindrucksvoll ist die Lösung für kreuzungsfreien Radverkehr: Es wurde eine Brücke nur für den Radverkehr unter einer Brücke für den Kfz-Verkehr gebaut. „Das ist nicht die günstigste Lösung aber für Radfahrer*innen die praktischste“, meint Hader. Wie man das in Bamberg umsetzen könnte, zeigt er anhand einer ersten Ideenskizze an der Unteren Brücke.

Mobilität und Flexibilität sind auch im Alter wichtig, so Referent Wolfgang Schenker, der in der „Arbeitsgemeinschaft der älteren Bürger Bambergs“ aktiv ist. Ausreichend breite und gut markierte Radwege tragen dazu bei, dass auch ältere Bürger auf das Fahrrad steigen. Schenker erläutert eine Situation, die man nur allzu gut kennt „Ältere Menschen fürchten das Fahren auf der Entwässerungsrinne, gedrängt zwischen Bordsteinkante und dem motorisierten Verkehr.“ Für viele Menschen ist das Fahrrad nicht mehr nur ein „rostiger Drahtesel“ sondern ein liebgewonnenes Fortbewegungsmittel. Man investiert zunehmend in ein „gscheids Radl“ oder gar in E-Bikes. Da achtet man auch auf den Stellplatz und wie gut sich das Fahrrad sichern lässt.

Ein weiteres Problem ist das plötzliche Enden von Radwegen, die teilweise sehr ungünstig liegen, wie beispielsweise vor markierten Autoparkplätzen. Auch „nur kurzfristig“ zugeparkte Radwege durch Autos erfordern ein plötzliches Ausweichmanöver in den fließenden, motorisierten Verkehr. Solche Situationen sind Gefahrenstellen für alle Verkehrsteilnehmer*innen. „Gegenseitige Rücksichtnahme ist im Verkehr sehr wichtig, denn schließlich soll jede und jeder sicher am Ziel ankommen“, fügt Schenker hinzu.

Die europäischen Nachbarn haben es vorgemacht und mögliche Maßnahmen gezeigt, wie Radverkehr gestaltet werden kann. Dazu gehört aber auch der Wille, Geld in die Hand zu nehmen, um vorhandene Radwege zu verbessern und dringend benötigte Radwege zu bauen

Hannah Witzenrath

 


Christian Hader

Gerd Rudel: Kopenhagen ist fahrradfest bei jedem Wetter. Radwege werden zuerst geräumt.

Peter Gack: Radverkehrsförderung braucht Infrastruktur

Christian Haader zeigt die Fahrradbrücke unter der Brücke in Haarlem.

Wie wär's damit in Bamberg? Radweg-Konstruktion an Leinritt und Unterer Brücke

Wolfgang Schenker mit einem Negativbeispiel in Bamberg: Lange Straße

Es geht auch positiv: Mischverkehr in der Bamberger Austraße

Plötzliches Radweg-Ende in der Würzburger Straße.

Radweg als Park- und Haltestreifen für Autos?

Radweg an der Peuntstraße - eingeengt zwischen Rinnstein und Autoverkehr


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Kommentare zu diesem Artikel

Gerd Rudel schrieb am09.12.2017 16:49 Uhr folgenden Kommentar:
Ich habe große Zweifel, ob es wirklich förderlich ist, das Thema Radverkehr (mehr oder minder) auf die Frage baulich getrennter Radwege (oder nicht) zu reduzieren und dann auch noch quasi als Glaubensfrage zu diskutieren.
Wenn es das (gemeinsame?) Ziel ist, die umweltverträglichen Verkehrsmittel zu fördern und den vorhandenen öffentlichen Raum zugunsten dieser Verkehrsmittel umzuverteilen, dann sollte es darum gehen, möglichst viele Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel, durchaus pragmatisch, umzusetzen. Dabei kann der Blick auf gelungene Beispiele helfen.
Kopenhagen ist ein solches Beispiel. Dort gelingt es offenbar, die Interessen aller Radler*innen unter einen Hut (besser: auf einen Radweg) zu bringen: die schnellen Radler radeln schnell (weil das Überholen kein Problem ist), die Kinder auf dem Weg zur Schule radeln sicher, die Menschen, die etwas mit dem Lastenrad transportieren, haben Platz, die Touristen und älteren Menschen radeln gemütlich. Warum Gegensätze konstruieren, wo es keine gibt- vorausgesetzt, die entsprechende Infrastruktur ist vorhanden?
Dass dies so ist, dafür sorgt seit Jahrzehnten eine Stadt- und Verkehrsplanungspolitik, die ganz klar und sehr kontinuierlich am Ziel der Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten von Rad- und Fußverkehr und Aufenthaltsqualität orientiert ist. Das heißt: Fahrspuren für die Autos werden umgewidmet, Parkplätze verschwinden. Dafür haben wir etliche ganz konkrete Beispiele gezeigt. Und: all dies ist sehr gut dokumentiert, kann vielfach nachgelesen werden.
Aber Vorsicht, Herr "Ferenc": Recherche könnte das eigene Weltbild gefährden...
Ferenc schrieb am06.12.2017 17:15 Uhr folgenden Kommentar:
Gefühlte Sicherheit auf abgepollerten Radwegen - liest sich gut. Und die Realität?

Die Wege werden wie die bisherigen als Abstellfläche für alles mögliche mißbraucht werden. Auch Fußgänger werden sie weiterhin achtlos betreten, weil sie sie nicht als Gefahrenstelle auf dem geistigen Schirm haben.

Das gravierendste Problem aber sind die Kreuzungspunkte mit dem motorisierten Verkehr; Jede Kreuzung, Einmündung und Grundstücks- oder Parkstreifenzufahrt läßt die Radler vor die Kühlerhaube oder gegen die Seitenfront der Kraftfahrzeuge geraten. Denn da sie sich außerhalb des bewußten Aufmerksamkeitsbereichs der Autofahrer bewegen, hilft ihnen ihr Vorfahrtsrecht nur wenig.

Genau diese Risiken haben den Verordnungsgeber vor über 20 Jahren dazu bewogen, die Radwegbenutzungspflicht grundsätzlich abzuschaffen - wenngleich die meisten Verkehrsbehörden dies geflissentlich ignorieren. Freiwillig benutzbare, vom parallelen Kfz-Verkehr getrennte Bereiche waren - und sind - immer möglich. Doch Radfahrer, die deutlich schneller als zu Fuß unterwegs sein möchten, zu zwingen, Wege zu benutzen, die nur wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit erlauben, verbietet sich eigentlich von selbst.

Den Nachweis, daß getrennte, aber straßenbegleitende Radwege, aber auch Radfahr- und sogenannte "Schutz"streifen objektiv sicherer sind als das Radeln auf der Fahrbahn, hat noch niemand erbracht. Auch die Betreiber des Radentscheids in Bamberg sahen sich bislang nicht in der Lage, hier mit belastbaren Zahlen zu argumentieren.

Das hohe Lied der Separation zu singen, schafft letztlich nur wieder freie Bahn für den Autoverkehr - mit in Folge der höheren Geschwindigkeiten weiter steigenden Risiken an den erwähnten Knotenpunkten und dem bekannt-aggressiven Revierverteidigungsverhalten, sollte ein Radler es doch wagen, die Fahrbahn zu benutzen.

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