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In den Sommerferien als Seenotretterin unterwegs 6.12.2017
Soziales, Aktuelles, BA-Thema
Karen Stein war für zwei Wochen an Board des Rettungsschiffs „Sea Eye“, um vor der libyschen Küste nach Schiffbrüchigen und Ertrinkenden zu suchen. Im GAL-Novemberplenum berichtete sie von ihren Erfahrungen auf dem Mittelmeer.

Sommer 2015, die Flüchtlingskrise offenbart nun endgültig, dass das Dublin-System der Europäischen Union versagt. Jeden Tag steigen immer mehr Menschen in Boote, die für die 300 Kilometer lange Überfahrt von der libyschen Küste nach Malta nicht gebaut sind. Und jeden Tag sterben immer mehr Menschen im Mittelmeer. Michael Buschheuer aus Regensburg kaufte einen Hochseekutter, baute ihn um und gründete die Organisation „Sea Eye“.

Karen Stein war in den Sommerferien 2017 auf der „Sea Eye“ vor der libyschen Küste unterwegs und berichtete uns im vergangenen GAL-Plenum über ihre Erlebnisse. Die „Sea Eye“ ist seit Februar 2016 im Einsatz und leistet Erste Hilfe, wenn die Besatzung ein Flüchtlingsboot entdeckt. Denn anders als die großen Schiffe sind die Schlauchboote nicht auf dem Radarsystem erkennbar und können auch bei Schiffbruch kein SOS an nächstgelegene Schiffe senden. Hier helfen „Sea Eye“ und andere Nichtregierungsorganisationen: Sie suchen nach Flüchtlingsbooten und setzen einen Notruf an die Seenotleitzentrale nach Rom (MRCC) ab.

Bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen achten die Crew-Mitglieder auf die Verfassung des Bootes, beispielsweise ob es jeden Moment kentern könnte und wie viele Menschen sich auf dem Boot befinden. Die Menschen auf den Booten werden mit Schwimmwesten und Wasser versorgt. Insbesondere gilt es, die Hilfesuchenden zu beruhigen, damit das Boot nicht kentert. Nach dem Seerecht ist das nächstgelegene Schiff dazu verpflichtet Schiffbrüchige aufzunehmen und in Sicherheit zu bringen. Bis ein entsprechend großes Schiff kommt, können auch mal ein paar Stunden vergehen. Auf die kleine „Sea Eye“ werden indes nur Verletzte oder Schwangere aufgenommen, um sie in der Krankenstation zu versorgen.

„Eigentlich nur Platz für 12 Personen“

An Board der „Sea Eye“ befinden sich 700 Schwimmwesten und Rettungsinseln für weitere 500 Menschen. Um ein Schiff sicher fahren zu können, sind ein*e Kapitän*in, zwei bis drei Personen, die navigieren können, und ein bis zwei Maschinist*innen nötig. Ein Arzt/eine Ärtzin und weitere freiwillige Helfer leisten Erste Hilfe. Größere Rettungsschiffe, wie von „Save the Children“ und „Ärzte ohne Grenzen“ haben die Kapazitäten und Möglichkeiten, Flüchtlinge aufzunehmen und medizinisch zu versorgen.

Die „Sea Eye“ und ihr Schwesterschiff „Seefuchs“ fuhren in den Sommermonaten jeden Tag zu jeder Stunde, um nach den Schlauchbooten Ausschau zu halten. Karen Stein war als Wachgängerin eingeteilt und hielt nachts Ausschau nach Flüchtlingsbooten. An manchen Tagen habe man nur ganz klein am Horizont die großen Tanker erkennen können, berichtete sie. Die Suche nach Flüchtlingsbooten gestaltet sich demnach schwierig und gleicht eher der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Bei guten, sehr guten Bedingungen und viel Glück sei eine Überfahrt mit einem Holzboot oder Schlauchboot möglich. Allerdings ist das eine seltene Ausnahme, betonte Stein. Die Flüchtlinge verfügen in der Regel über keine nautischen Kenntnisse und werden von den Schleppern dazu angehalten, einfach geradeaus zu fahren. Die Motoren der Schlauchboote laufen unentwegt und die Benzinvorräte sind knapp bemessen, eher zu knapp, als dass sie für die 300 Kilometer (162 Seemeilen) lange Überfahrt ausreichen könnten. Gefahren gibt es auf dieser Strecke schließlich genug. Ein Schlauchboot besteht etwa schlicht aus einem Drei-Kammersystem. Platzt eine Kammer, sinken die überfüllten Boote meist sehr schnell. Viele werden seekrank und sind nicht selten sieben Tage auf dem Meer, ohne Wasser und Nahrung. In den Booten sammeln sich indes Öl, Benzin, Meerwasser, Urin und Erbrochenes. Häufig führt diese Mischung zu Verätzungen an Füßen und Beinen.

45 Euro retten ein Menschenleben

Die Organisation „Sea Eye“ finanziert sich vorwiegend durch Spendengelder. Freiwillige Helfer*innen tragen die Kosten der Anreise nach Malta selbst. Sea-Eye-Gründer Buschheuer rechnet vor: Mit 45 Euro wird im Durchschnitt die Rettung eines Menschen finanziert. Allein auf dem GAL-Plenum wurde demnach Geld für die Rettung von zwei bis drei Personen gespendet. Diese Rettungen werden seit einigen Wochen jedoch erschwert.

„Sea Eye“ hält sich bei seinen Einsätzen zwar an die internationalen gültigen Regeln der Seenotrettung und fährt nicht in staatliches Hoheitsgebiet. Dieses beginnt nach internationalem Seevölkerrecht zwölf Seemeilen vor der jeweiligen Küste. Im August 2017 erweiterte Libyen sein Hoheitsgewässer allerdings eigenständig von zwölf auf 75 Meilen, sodass Nichtregierungsorganisationen und „Sea Eye“ ihre Rettungsaktionen nicht weiter fortführen konnten bzw. unterbrachen.

Hannah Witzenrath / Andreas Eichenseher


Referentin Karen Stein

Als Dankeschön für ihren Vortrag und ihren humanitären Einsatz bekam Karen Stein von der GAL den "Becher des Monats" geschenkt. (Links: GAL-Vorstandsmitglied Juliane Fuchs)


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